Daheim & Unterwegs

Truso Gorge an der Georgischen Heerstrasse

Morgens kurz die Berglandschaft genossen und dann beschlossen: „wir fahren von der Alm der Dreifaltigkeitskirche runter, bevor der Stossverkehr auf der Piste beginnt“. Stress vermeiden, woanders frühstücken. Um 8:30 ist der Verkehr schon erstaunlich rege und es scheint sich vor allem um unerfahrene Touristen zu handelt. Jedenfalls setzt bei mehreren Fahrern eine Schreckstarre ein. Das ist wenig hilfreich, denn ich bin diesmal an der Talseite unterwegs und die Kante der Piste ist nicht sonderlich stabil, da will ich nicht zu viel Druck drauf geben. Wenn der entgegenkommende sich dann weigert weiterzufahren, weil nur 10 cm Platz zwischen meinem Reifen und seinem Spiegel sind, macht das nichts einfacher.

Alles in allem ist runter weniger lustig als rauf und es war sicher schlauer, das vor dem grossen Ansturm hinter sich zu bringen. Wir fahren ein Paar kilometer die Heerstrasse nach Süden beziehungsweise das Terek Tal \hinauf bis Kobi. Da ist auf der rechten Seite eine Bäckerei ausgeschildert und es wird grad ein top moderner Installiert. Sogar die verwendeten Baumaschienen sind moderner und gepflegter als alles, was wir die letzte Zeit gesehen habe.

Die „Bäckerrei“ hat ein Schild, dass sie mit KFW Mitteln gefördert worden sei. Da ist ein Klappfenster und dahinter eine Stellage für Brote. Darunter steht Klopapier, und Instant Kaffe. Dahinter erkennt man ein Schlafzimmer/Wohnzimmer/Whatever. Ein Mütterchen verkauft uns ein Altes Brot und etwas leckeres Gebäck. Derweil regt sich im Bett etwas und der Herr des Hauses erwacht unter lautem Geseufze.

Wir fahren weiter und wundern uns über ein umfriedetes Gelände, auf dem es

  1. ein Zementwerk
  2. eine brandneue Industriehalle nach westlichem Standard
  3. eine im Bau befindliche, recht grosse Kirche

gibt. Daneben gibt es noch ein sehr erfahrenes Zementwerk mit sehr wilder Kraftstation. Dem Fluss stromaufwärts folgend kommen wir recht schnell zu einer extrem abenteuerlichen Brücke. Besonders das letzte viertel sieht extrem dünn und fragil aus. Erst mal Frühstück!

Andauernd werden Wanderer von Taxis oder Minibussen abgesetzt. Wir plauschen, laden Müll bei uns ein und spenden Wasser. Die holde Beifahrerin macht sich auch auf die Wanderung - wir Verabreden uns eine halbes duzend Kilometer weiter. Ich peile die Lage: Es gibt diesen breiten Weg mit zwei Flussquerungen. Oder den über das Plateau ohne Flussquerung. Ich checken den Weg über das Plateau. Ehr Geländewagen- statt Lastertauglich. Obendrein müsste ich erstmal einen Badewannen grossen Brocken vom letzten Steinschlag wegräumen.

Hier muss es doch eine Furt geben. Ja, tut es. Die sieht aber länger nicht mehr genutzt aus. Als mir schon nach einem Viertel des Weges der Bach deutlich über die Knie geht, denke ich mit: lieber nicht.

Es gibt zwei ungenutzte Brückelager und dann diese orange Konstruktion, die irgendwie auf Betonmäuerchen liegt. Das Ding, dass da halb von Erde bedeckt ist, ist ein Tielflader, wie er zum Transport von Baumaschinen verwendet wird. Jemand hat die hinteren Achsen entfernt - was das Ding hinten so dünn erscheinen lässt, sind die Ausschnitte für die (fehlenden) Reifen. Das Ding ist für den Baumaschientransport gedacht, das hält locker 11 Tonnen. Aber es liegt nur an den äussersten Enden so eben auf - das hat sich der Konstrukteur anders vorgestellt! Irgendwan genug gehadert und einfach drüber. Nix knirscht oder vibriert, alles easy. Warum nicht gleich so? Die Hände sind trotzdem schweissnass. Das das Ding meinen Millimeter breiter, als meine eigene Spurbreite war, ist mir bei der ganzen Aufregung gar nicht aufgefallen.

Es geht durch ein zum Teil echt spektakuläres Tal - sind das Karstquellen? Auf jeden fall jede Menge Geologie zum bestaunen. Zwischendurch ein Stop um die Containerlocks, die den Wohnkoffer festhalten, festzuziehen. Die nächste Brücke sieht deutlich robuster aus und wir fahren von dort wieder zu zweit weiter.

Um die nächste Biegung kommen Sinter-Kaskaden. Kannte ich bisher nur aus Höhlen. In Pamukkale in der Türkei soll das noch deutlich krasser sein. Schon beeindruckend. Und im Gegensatz zu Höhlensinter mit mehr Biologie. Von Algen bis zu Kühen und deren Ausscheidungen. Es wurde auch großzügig auf den Sinterflächen geparkt.

Plausch mit den georgischen Touristen. Wie so oft auf dieser Reise ist die erste Frage, ob das ein “Dom” / “Auto-Haus” sei und dann direkt, was das Ding denn gekostet hätte. Die Reiseführer meinten eigentlich kämen auch noch direkt die Fragen nach dem aktuellen Gehalt und der zu erwartenden Rente. Ich lüge mich mit “selbstgebaut, viel Arbeit, kann man nicht sagen” aus dem Thema heraus.

Das Wasser aus einer der Mineralischen Quellen sie gut - und leicht aufzufangen. Wir probieren. Stimmt! Die Einheimischen schleppen das Flaschenweise nach Hause. Am Flussufer eine Fahradständer und ein Schild, dass man hier campen darf. Eine Brücke über den hier ernsthaft breiten Fluss. 4 Hütten - auf vielen Campingplätzen “Cabañjas” genannt - stehen da in verschiedenen Verfallszuständen. Zum Teil noch mit drei Stockbetten und Matrazen, die man nicht mit der Kneifzange anfassen möchte. Ein Plumsklo. Tische und Bänke. Zusammengeräumte Palettenmöbel. Scheinbar gibt es in der Hippen georgischen Gastronomie nichts anderes als Palettenmöbel. Ich habe noch nie so viel auf zusammengezimmerten Europaletten gesessen.

Ein halb herunter gefallenes Schild an der Brücke wirbt fürTee, Kafffee und Snacks. Was sich als Rest einer Küche findet ist hoffentlich von Campern und nicht von der Snack-Bar. Georgien scheint voll von kleinen, ambitionierten Tourismus-Projekten die auf den letzten 20% des Weges den Schwung verlieren. Oder wo nach kurzer Zeit Geld, Motivation oder Kunden ausgehen. Das gibt vielen Orten eine gewissen Melancholie.

Noch darüber sinnierend lernen wir Asslan kennen. Er stammt aus den Hüten (oder Zelten?) Am Horizont vor der Bergflanke. Ist ohne Sattel zu Pferd unterwegs und vertreibt sich die Zeit mit den Touristen. Wir sollen doch mal auf einen “Chai” vorbei kommen. Auf dem Rückweg vielleicht, jetzt sind wir zu rastlos. Ein fröhlicher Kerl. Wie sich hier wohl als Kind lebt?

Ein paar hundert Meter weiter steht ein Kaputter Laster mit “Coffee & Tea —>” Schild. Das stammt wohl von Aslans Leuten.

Dann kommt der in Karten verzeichnete Geysir. Das Dinh hat leider einen “Wellhead” verpasst bekommen, so dass er nciht mehr nach oben spritzt, sondern ein System aus Druck- und Wassertanks dafür sorgt, dass die Energie genutzt wird, das Wasser Schubweise gottweiswohin zu pumpen. Aber es gibt ein Überlaufrohr, aus dem es auch ganz nett - nur seitwärs - spritzt. Viele Sinterablagerungen (das “Tropfsteinzeugs”).

Zwei lokale Jungs wollen mal das Wohnmobil besichtigen. Denen geht es mal ausnamsweise nicht darum, wie viel die Karre gekostet hat, sondern sie sind ganz fasziniert davon, dass es im Auto ein Bett gibt, in dem man weich schlafen kann. Dusche & Klo hab ich gar nicht gezeigt. Für die Jungs ist das ja eh ein Raumschiff. Fliesend Wasser, Dusche und Klo kennen sie nur aus dem Fernsehen. Da muss man es mit dem Kulturschock nicht übertreiben.

Das Nächste Dorf. Kleine Felder. Vielleicht ein halbes Duzend Familien und die nächste Brücke. Oh my!

Die Brücke war bestimmt mal robust. Jetzt besteht sie aus irgendwie in teilen auf Trägern festgeschweisten Stahlplatten. Die Platten sind eigentlich zu Dünn für drei Tonnen Radlast. Sie sind auch in grossen teilen lose, mit Spalten dazwischen oder schon deutlich verbogen. Ich schau mir den Unterbau an. Von den sehr beeindruckenden 4 Doppel-T Trägern aus dem die Tragkonstruktion bestand ist nicht mehr so viel zu erwarten. Alle sind in der Mitte ein bis zwei mal angestückelt. Die beiden stromaufwärts gelegenen sind in zwei Richtungen verbogen. Zum einen hängen sie nach unten durch und sind dabei leicht verdreht. Zum anderen sind sie massiv aus der Flucht: Der abstand zu den anderen Trägern ist an dien Brückenlagern vielleicht 80 cm und in der Mitte 160 cm. Kurzum: Die Tragekonstruktion hat O-Beine. Dann ist das eine Wiederlager irgendwann mal um 30 Grad stromaufwäts gekippt. Irgendwer hat dann die Stahlträger auf der niedrigeren Seite angehoben und mit Steinen unterfüttert, so das die Brückenoberseite wieder einigermassen Grade ist. Das ganze ist wenigstens etwas mit Beton verschmiert. In Summe ist nichts an der Brücke im Lot. Dafür geht sie aber über einen Breiten, reissenden Fluss. Es ist nirgends eine Furt zu erblicken. Nach einigem Hadern drüber und dabei versuchen möglichst viel die Last auf die Träger und nicht auf die Bleche zu übertragen. Diel Bleche knirschen und Klappern, aber die Unterkonstruktion scheint bombenfest. Mein Puls ist nachher aber kein bisschen Fest. Nicht zuletzt weil vor und Hinter der Brücke die Strasse noch ein bisschen weg gespühlt ist, was ich bis zum beinahe letzten Moment ignoriert hatte, um die Träger der Brücke richtig zu treffen.

Es geht weiter durch das inzwischen breite Tal. Eine Festung, ein Hirte, Viehgatter und ein Typ den ich erst mal nicht verstehe. Ein Soldat, dem jemand eingetrichtert hat, zu Touristen Freundlich zu sein. “Georgian Border Control Zone” ist das einzige, was er nicht auf georgisch sagen kann. Und er macht uns klar, das wir nur mit einer Sondergenehmigung weiter dürfen. Schade. 1 km Weiter sollte es noch einen Mineralsee und vor allem Lava-Felder geben. Um die Ecke lagern seine Kameraden und eine Dame in Zivil. Die Selbstgebastelte Kontrollhütte hat einen Bund der ein bisschen nach Berardiner aussieht an einer kurzen Kette. Der Posten warnt uns vor dem Hund. Zu Recht, wie die nächsten Wanderer erfahren.

Irgendwie sind wir jetzt hier als Gruppe gestrandet. Es gibt wieder einen Fahrradständer, eine Quelle und ein Camping-verboten-Schild. Das einzige, das ich während der ganzen Reise sehen werde. Ein russisches Pärchen mit Baby im Auto, eine niederländische Familie mit zwei Teenagern zu Fuss, zwei Deutsche die keinen Bock auf den Rest haben und wir. Campen ist doch erlaubt und die Niederländer versuchen etwas Windgeschütztes zwischen den Kilometern Flussgeröll zu finden. Die Festung liegt zwar auch irgendwie in der Border-Control-Zone, aber die dürfen wir besichtigen. Da drüben liegt Süd-Ostetien. Das Stück georgien das sich irgendwie lieber Russland anschliessen will. Obwohl der Kaukasus-Hauptkamm es von Russland trennt.

Wollen wir hier übernachten? Hmm. Das hintere Tal ist etwas ungemütlich. Die Schlucht etwas eng. Ach weiter! Aus dem Tal raus. Ein bisschen gefeixe mit Aslan - heite kein Chai und dann über den Kreuzpass auf über 2000m üNN nach Süden.

Ich hab da als “Jvari” im Reiseführer einen schönen Stellplatz entdeckt. Eine Verwechselung, wie ich herausfinden sollte, den Ort gibt es mehrfach im Land. Der hier ist wieder eine Quelle mit viel Sinter und Touristen direkt an der Strasse.

Das Berühmte Monument für die Freundschaft der Soviet-Völker ist uns zu voll. Wir fahren in den Skiort Gudauri, wo wir ganz gut zu Abend essen. Da fallen uns die Schicken Landcruiser von “EUMM” auf. Der “EU Monitoring Mission” die darauf achten soll, das Georgier und Russen sich in Südostetien nicht an die Gurgel gehen. Und die von Azerbaijan ganz massiv wegen Parteilichkeit zu Gunsten der Georgier kritisiert wird.

Es geht dann ein paar km zurück Richtung Kreuzpass um mit Blick auf die einen Startplatz der Gleitschirmflieger zu übernachten. Mit ein paar Holzklötzen bringe ich das Auto noch ins Lot.